Die Entwicklung des moralischen Urteils

Die Entwicklung des moralischen Bewusstseins vollzieht sich nach KOHLBERG (amerikanischer Psychologe 1927 - 1987) in aufeinanderfolgenden Stufen. Jeder Mensch durchläuft sie, unabhängig von der Kultur, in der er aufwächst. Sie ist eng verbunden mit der kognitiven Entwicklung (logisches Denken) und der wachsenden Fähigkeit des Kindes und Jugendlichen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

 

  Moralisches Niveau der meisten Kinder bis zum 9. Lebensjahr  
1.Stufe: Orientierung an Strafe und Gehorsam  Das Kind befolgt Regeln, weil es im Fall der Nichtbefolgung bestraft wird oder weil die Eltern als Autoritätspersonen es verlangen. „Gut“ ist, was man tun darf oder soll, „böse“ ist, was bestraft wird. Was „gut“ oder „böse“ ist, bestimmen die Eltern, später Kindergärtnerin oder Lehrer.  
2. Stufe: Orientierung an den eigenen Bedürfnissen  Das Kind erkennt die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens. „Wie du mir, so ich dir.“ „Gut“ ist, was den eigenen Bedürfnissen und Interessen dient. Die Interessen der anderen werden nur so weit berücksichtigt wie sie den eigenen entsprechen.  
  Moralisches Niveau eines Großteils der Jugendlichen und Erwachsenen  
3. Stufe: Orientierung an zwischenmenschlichen Beziehungen  Die Erwartungen anderer werden erkannt. Das Kind/der Jugendliche möchte den Erwartungen der Bezugspersonen und Autoritäten entsprechen, nicht nur aus Angst vor Strafe, sondern um die Beziehung nicht zu gefährden. Bei Nichtbefolgen von Regeln empfindet er Schuldgefühle. Zunehmend wird auch die Absicht hinter einer Handlung gesehen („Das war doch nicht böse gemeint.“) 
4. Stufe: Orientierung an Gesetz und Ordnung  Die Bedeutung moralischer Normen für das Funktionieren der Gesellschaft wird erkannt. Regeln werden befolgt, weil sie für das Aufrechterhalten der sozialen Ordnung erforderlich sind. 
  Moralisches Niveau von Erwachsenen ab dem 20. Lebensjahr (allerdings erreicht nur eine Minderheit diese Stufen)  
5. Stufe: Orientierung an Menschenrechten und sozialer Wohlfahrt  Moralische Normen werden hinterfragt und nur als verbindlich angesehen, wenn sie gut begründet sind. Nur wenn sie gerecht und nützlich für alle sind, werden sie akzeptiert. Nur etwa ein Viertel der Menschen erreicht nach KOHLBERG diese Stufe. 
6. Stufe: Orientierung an universalen ethischen Prinzipien  Grundlage für das richtige Handeln sind selbstgewählte abstrakte ethische Prinzipien, die sich auf Universalität und Widerspruchslosigkeit berufen und philosophisch begründet sind (z.B. kategorischer Imperativ). Nur 5 % der Menschen erreichen diese Stufe. 

 

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copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl