Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl

Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung von Entwicklungsaufgaben ist ein gesundes Selbstvertrauen und ein stabiles Selbstwertgefühl.
Die Basis für Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bildet sich im Lauf der Entwicklung durch folgende grundlegende Erfahrungen.

 

 

Erfahren von Liebe und Wertschätzung

Ein Kind braucht das Gefühl, bedingungslos willkommen, angenommen und geliebt zu sein. Das bedeutet aber nicht, dem Kind jedes Bedürfnis zu erfüllen oder es „in Watte zu packen“. Es bedeutet vielmehr, dem Kind das Gefühl zu geben, dass es als Person, als „es selbst“ mit seinen Stärken und Schwächen angenommen wird, auch wenn sein Verhalten manchmal nicht zu akzeptieren ist.
Wertschätzung erfährt das Kind dadurch, dass es mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen ernst genommen wird, dass es gehört , gesehen und verstanden wird. Auch hier gilt wieder: Die Bedürfnisse des Kindes müssen nicht immer und sofort befriedigt werden, vor allem dann nicht, wenn sie mit den Bedürfnissen anderer im Widerspruch stehen, aber sie müssen ernst genommen werden, d.h. das Kind soll das Gefühl haben, dass diese Bedürfnisse und Wünsche nichts grundsätzlich Schlechtes sind, sondern dass sie nur momentan nicht zu befriedigen sind. Wird der momentane Verzicht dann auch noch ausreichend begründet und spätere Befriedigung in Aussicht gestellt (abhängig vom Alter des Kindes), erwirbt das Kind mit der Zeit die wichtige Fähigkeit der Frustrationstoleranz.
Wertschätzung wird natürlich auch vermittelt durch Lob und Anerkennung für erbrachte Leistungen. Aber auch konstruktive Kritik zeigt dem Kind, dass man sich für seine Belange interessiert. Was als Leistung anerkannt wird, sollte sich auch und vor allem an den Fähigkeiten des Kindes orientieren und nicht nur daran, was z. B. die Schule als Leistung definiert.
Eine Atmosphäre der Akzeptanz und Wertschätzung ist auch der wichtigste Motivator dafür, dass Kinder überhaupt lernen. Wertschätzung erzeugt angenehme Gefühle und eine positive Bindung, und diese sind die Voraussetzung dafür, dass Neues gelernt und behalten wird.

 

 

Rahmen und Struktur

Ein fester Rahmen und klare Strukturen geben Sicherheit. Das gilt zunächst für die Familie. Das Kind muss wissen, wo es hingehört. Und es braucht das Gefühl, dass immer jemand da ist, der ihm Schutz und Geborgenheit gibt. Die familiären Strukturen sollten für das Kind einigermaßen überschaubar sein. In der heutigen Zeit mit steigender Zahl von Scheidungs- und Patchworkfamilien kann das problematisch sein und stellt an die Eltern hohe Anforderungen.
Klare Struktur bedeutet auch das Setzen von eindeutigen Grenzen. Es liegt in der Natur des Kindes und ist für die Entwicklung wichtig, dass das Kind immer wieder diese Grenzen austestet und manchmal überschreitet. Aber es muss prinzipiell wissen, was erlaubt ist und was nicht, was richtig und was falsch ist. Und es muss auch die Konsequenzen seines Handelns kennen und erfahren.

 

 

Balance zwischen Freiheit und Verbundenheit

Die Entwicklung des Kindes ist ein fortschreitender Prozess von totaler Abhängigkeit hin zu immer größerer Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Trotzdem kann das Ziel nicht die totale Unabhängigkeit sein, da der Mensch zeit seines Lebens Teil von sozialen Netzwerken ist, auf seine Mitmenschen angewiesen ist und zunehmend auch Verantwortung für andere übernehmen muss. Hierbei ist es vor allem wichtig, ein gesundes Gleichgewicht zwischen persönlicher Freiheit und sozialen Abhängigkeiten zu entwickeln und zu leben, d.h. ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann es wichtig ist, die eigenen Interessen zu vertreten, und wann das Wohl der anderen im Vordergrund steht. (vgl. hierzu auch: persönliche und soziale Identität)

 

 

Gefühl der Selbstwirksamkeit

Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entstehen vor allem durch die Erfahrung, aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln Dinge bewegen und verändern zu können (selbst eine Wirkung zu erzielen = Selbstwirksamkeit). Das bezieht sich sowohl auf Dinge der materiellen Welt als auch auf zwischenmenschliche Beziehungen. Wenn man etwas bewirken kann, hat man auch Erfolgserlebnisse. Und Erfolgerlebnisse steigern das Selbstwertgefühl. Was dabei aber häufig übersehen wird, ist die Tatsache, dass vor jedem Erfolg ein Problem oder eine Herausforderung steht, die erfolgreich bewältigt werden muss. Deshalb sollte man dem Kind nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, sondern es dazu ermutigen, sich Herausforderungen zu stellen und Probleme zu bewältigen.
Kinder sind von Natur aus neugierig und experimentierfreudig. Dieser Forscherdrang konfrontiert sie automatisch immer wieder mit neuen Herausforderungen. Und sie wollen dabei ihre eigenen Lösungen suchen und finden. Deshalb brauchen Kinder auch Wirkungsbereiche, die den Erwachsenen nicht zugänglich sind.

 

 

Vorbilder

Um Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Fähigkeiten zu entwickeln, braucht das Kind natürlich auch entsprechende Vorbilder, die es nachahmen kann. Das sind zunächst vor allem die Eltern. Kinder haben den natürlichen Drang, erwachsen zu werden und die Welt der Erwachsenen kennen zu lernen. Lernen erfolgt am besten durch eine positive Gefühlsbindung zu anderen Menschen. Wen das Kind liebt und schätzt, den ahmt es auch nach.

 

 

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copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl