Das Säuglingsalter

Im Gegensatz zu allen anderen höheren Säugetieren kommt der Mensch in besonderer Weise unfertig auf die Welt. Der Säugling besitzt nur ganz wenige angeborene Verhaltensmuster (=Instinkte). Er kommt als unfertiges, unspezialisiertes Lebewesen auf die Welt und muss die arteigenen Verhaltensweisen (aufrechter Gang, Sprache, Bindungsfähigkeit) im ersten Lebensjahr erst erlernen (physiologische Frühgeburt, extrauterines Frühjahr). Es ist anscheinend besonders wichtig, dass der Mensch diese Verhaltensweisen im Umgang mit seinen Mitmenschen erlernt.

Das erste Lebensjahr wird bestimmt von den Grundbedürfnissen (Nahrung, Schlaf, Körperwärme, Hautkontakt) und deren Befriedigung durch eine Bezugsperson. Werden die vitalen und emotionalen Bedürfnisse des Säuglings von der Bezugsperson schnell und zuverlässig erkannt und befriedigt, erfährt das Kind dadurch Zuwendung und Geborgenheit. Es ist zufrieden und fühlt sich wohl und angenommen. Es entwickelt sich das sog. "Urvertrauen", das Gefühl, man wird geliebt, die Welt ist gut, man kann sich auf andere verlassen. Reagiert die Bezugsperson dagegen unsicher und unzuverlässig, überwiegen beim Säugling die Unlustgefühle und er fühlt sich verlassen und abgelehnt.

Während es in den ersten Lebensmonaten noch relativ gleichgültig ist, wer die Bedürfnisse des Säuglings befriedigt, gewinnt um die Mitte des ersten Lebensjahres eine (oder auch mehrere) feste Bezugsperson(en) immer mehr an Bedeutung. In dieser Zeit lernt das Kind, bekannte von unbekannten Personen zu unterscheiden. Man bemerkt es daran, dass das Baby zu "fremdeln" beginnt. Schaut ein Unbekannter in den Kinderwagen, fängt es zu schreien an, nähert sich ihm aber eine bekannte Person, so zeigt es Anzeichen von Freude. Das ist der Beginn des Aufbaus einer positiven Gefühlsbindung an die Bezugspersonen.

Wichtig ist es im ersten Lebensjahr, dass das Kind sich geborgen und geliebt fühlt, dass es Zuwendung und Zuverlässigkeit seiner Bezugspersonen erfährt. Damit sind positive Voraussetzungen für die Bewältigung der nächsten Entwicklungsaufgaben gelegt.

 

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copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl