Das Spiel und seine Bedeutung

Die Auseinandersetzung mit der materiellen und soziokulturellen Umwelt vollzieht sich im Kleinkindalter in der Hauptsache im Spiel.
Im Kleinkind- und Vorschulalter stehen drei Arten von Spielen im Vordergrund:
- das Rollenspiel
- das Funktionsspiel
- das werkschaffende Spiel
Später kommt noch das Regelspiel hinzu.

 

 

Die einfachste Form des Rollenspiels tritt bereits im zweiten Lebensjahr auf und besteht darin, dass das Kind bereits erworbene eigene Verhaltensschemata (z.B. Schlafen, Essen) wiederholt. Auch bei Erwachsenen beobachtete Verhaltensweisen werden nachgeahmt. Bald werden dabei auch Symbole eingeführt (z.B. ein Blatt Papier dient als Teller) und die eigenen Verhaltensschemata auf Spielsachen übertragen (Puppen werden schlafen gelegt oder gefüttert. Der Höhepunkt des Rollenspiels liegt zwischen drei und vier Jahren. Die zunächst kurzen Einzelhandlungen werden zu komplizierten Handlungsabläufen zusammengefügt, in denen Erlebtes nachgeahmt wird mit Hilfe von Umdeutungen und Verwandlungen von Personen und Dingen. Auf diese Weise werden vor allem stark affektgeladene Situationen und Erlebnisse reproduziert und dadurch verarbeitet, Spannungen und Aggressionen abgebaut und unerfüllte Wünsche realisiert. Bei all dem ist dem Kind der Als-ob-Charakter des Spiels durchaus bewusst. Das Rollenspiel ist eng verknüpft mit dem magisch-anthropomorphischen Denken des Kindes und verliert in dem Maße an Bedeutung, in dem das realitätsbezogene Denken zunimmt. Zunächst durchläuft es noch eine Phase der Sozialisierung: Kollektive Rollenspiele mit traditionellen Rollen (z.B. Vater, Mutter, Kind) werden oft verbunden mit ebenfalls kollektiven Konstruktionsspielen (z.B. Hausbauten).

 

 

Als Funktionsspiele bezeichnet man diejenigen Spiele, die das Kind aus Freude an der Bewegung und den zufällig bewirkten Veränderungen ausführt. Das Kind experimentiert mit Umweltdingen, um deren Eigenschaften kennen zu lernen, und macht dabei Erfahrungen über die eigenen Möglichkeiten. Während das Kind im ersten Lebensjahr mit allen Gegenständen unabhängig vom Material die gleichen Bewegungen ausführt (in den Mund stecken, schlagen, werfen), lernt das Kind im zweiten Lebensjahr, Materialien spezifisch zu verwenden. Bauklötze werden aneinander oder aufeinander gelegt, Sand wird in Formen gefüllt und ausgeleert, mit dem Stift werden Striche gezogen, Knetmasse wird verformt, zerbröselt und wieder zusammengeknetet. Dabei hat das Kind noch keine Gestaltungsabsicht. Deutlich wird das vor allem bei den vielfältigen Bewegungsspielen, die nur aus Freude an der Bewegung ausgeführt werden.

 

 

Eines Tages entdeckt das Kind (oder auch eine Bezugsperson), dass ein zufälliges Produkt des Funktionsspiels Ähnlichkeit mit einem wirklichen Gegenstand hat. Das ist der Beginn des werkschaffenden Spiels. Durch Lob und Bestätigung wird das Kind ermutigt, immer neue Werke zu produzieren. In zunehmendem Maße werden die Produkte bereits im voraus geplant und werden dem, was sie darstellen sollen, immer ähnlicher. Zur Freude an der Betätigung kommt nun auch die Freude über das gelungene Werk hinzu, die zusätzlich motivierend wirkt. Wichtigster Motivator ist allerdings Lob und Bestätigung durch die Erwachsenen.
Das werkschaffende Spiel ist von großer Bedeutung für die Entwicklung der Arbeitshaltung, die eine wichtige Voraussetzung für den künftigen erfolgreichen Schulbesuch darstellt. Die Verlängerung der Zeitspanne zwischen Planung, Ausführung und Vollendung und das Setzen und Erreichen eines selbst gesteckten Ziels erfordern die Bildung von Fähigkeiten wie Konzentration, Ausdauer und Frustrationstoleranz und ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber selbst gestellten Aufgaben.

 

 

Regelspiele gewinnen erst gegen Ende des Vorschulalters an Bedeutung. Sie enthalten zwei Elemente:
- Wettbewerb
- Spielvollzug im Wechsel mit einem oder mehreren Partnern.
Wettbewerbssituationen werden zwar schon vom dreieinhalbjährigen Kind verstanden und von Anfang an emotional besetzt, aber das Kind ist in diesem Alter noch nicht in der Lage, Misserfolge zu ertragen. Erst in der zweiten Hälfte des fünften Lebensjahres wird die Frustrationstoleranz größer und das Kind versucht, Misserfolge durch größere Anstrengungen zu vermeiden. Auch der wechselseitige Spielvollzug mit einem Partner gelingt erst ab diesem Alter.

 

 

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copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl