Pubertät

Die Pubertät stellt in jeder Hinsicht eine stürmische Zeit dar. Sie ist geprägt von Umbruch und Veränderung im körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Bereich. Der Pubertierende befindet sich in einer Zwischenstellung. Er ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Erwachsener. Daraus ergeben sich viele der sog. Pubertätsprobleme. Hinzu kommt, dass die Entwicklung in den einzelnen Bereichen nicht gleichzeitig verläuft. Die körperliche Entwicklung eilt den anderen Bereichen meist weit voraus. Körperlich voll ausgereift sieht der Jugendliche wie ein Erwachsener aus, hat aber noch nicht die emotionale Reife eines Erwachsenen. Das führt häufig zu Überforderung, was Selbständigkeit und Eigenverantwortung betrifft. Andererseits behandeln viele Erwachsene den Jugendlichen noch wie ein Kind, auch in Bereichen, die er bereits selbst verantworten kann.

Wie ein Jugendlicher die Entwicklungsaufgaben der Pubertät meistert, hängt in hohem Maße mit seiner Entwicklung und seinen Erfahrungen in der Kindheit zusammen. Wichtig ist auch die Mitwirkung der Erwachsenen, die dem Jugendlichen angemessene Selbständigkeit gewähren sollten, ihm aber auf der anderen Seite das Gefühl vermitteln sollten, bei Problemen für ihn da zu sein.

Dem Jugendlichen stellen sich auf der Schwelle zum Erwachsenwerden folgende Entwicklungsaufgaben:

 

 

Selbstfindung

Voraussetzung für die Selbstfindung ist die Fähigkeit zur Reflexion, zum Nachdenken über sich selbst. Der junge Mensch versucht herauszufinden, wer er ist, wie die anderen ihn sehen, welche Schwächen und Stärken er besitzt.

Zunächst bezieht sich die Reflexion auf die äußere Erscheinung. Kleidung, Frisur, körperliche Mängel und Vorzüge werden (v.a. bei Mädchen) zur Grundlage des Selbstwertgefühls. Später werden auch die eigenen Eigenschaften und Fähigkeiten überaus kritisch betrachtet. Das Selbstwertgefühl ist in dieser Zeit sehr labil. Die Stimmung schwankt zwischen maßloser Selbstüberschätzung und quälenden Minderwertigkeitsgefühlen.

 

 

Aufbau eines eigenen Wertesystems

Wie der junge Mensch über sich selbst nachdenkt, so denkt er in zunehmendem Maße auch über die Welt und den Sinn des Lebens nach. Die Werte, die ihm bisher in Familie und Schule nahe gebracht wurden, sind für ihn zum Teil nicht mehr akzeptabel. Die jugendliche Subkultur entwickelt eigene Wertvorstellungen. Der Jugendliche muss herausfinden, was für ihn selbst wichtig und erstrebenswert ist und woran er seine Lebensziele ausrichten will.

 

 

Ablösung von der Familie

Die Ablösung von der Ursprungsfamilie hängt eng mit den beiden ersten Punkten zusammen. Je mehr der Jugendliche zu sich selbst und zu eigenen Wertvorstellungen findet, desto mehr lehnt er sich gegen die Forderungen der Eltern und die elterliche Kontrolle auf. Er möchte selbständig sein und sich nicht mehr bevormunden lassen.
Die emotionelle Ablösung kann sich aus zwei Gründen schwierig gestalten. Zum einen bedeutet Selbständigkeit immer auch Verlust an Geborgenheit und die Verpflichtung, selbst die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und für Fehler geradezustehen. Zum anderen machen manche Eltern den Jugendlichen die Ablösung schwer, indem sie sie nicht loslassen können. Hiervon sind vor allem Einzelkinder und jüngste Kinder betroffen.

 

 

Bewältigung der Sexualität

Dieser Punkt macht in besonderem Maße deutlich, wie problematisch die Zwischenstellung des Jugendlichen zwischen Kind und Erwachsenem ist. Bisher konnte das Kind jede neue Funktion, die durch Reifung ermöglicht wurde, auch fleißig üben (z.B. Krabbeln, Laufen, Springen, Treppensteigen). Anders sieht es mit der Sexualität aus. Der junge Mensch hat voll funktionsfähige, erwachsene Sexualfunktionen, kann und darf diese aber noch nicht anwenden. Zwar ist in den letzten Jahrzehnten die Einstellung der Gesellschaft zur Sexualität liberaler geworden, doch das eigentliche Problem liegt in der Entwicklung selbst. Die körperliche Reife setzt heute viel früher ein als noch vor 50 oder 80 Jahren (säkuläre Akzeleration). Die emotionale und soziale Reife hinkt um einige Jahre hinterher. Der Pubertierende spürt selbst die Diskrepanz, die neue Funktion beunruhigt und ängstigt ihn.

 

 

Eigene Lebensplanung

Hier sind vor allem zwei Punkte zu nennen: Berufswahl und Gedanken zu Partnerschaft und Familiengründung.
Die Berufswahl gestaltet sich für viele Jugendliche heute problematisch aufgrund von hoher Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel. Gerade in einem Alter, in dem das Selbstwertgefühl noch sehr labil ist, wären sinnvolle Aufgaben für die Selbstbestätigung notwendig. Hier wirkt sich Arbeitslosigkeit besonders schädlich aus. Die fehlende Bestätigung wird in aggressiven Handlungen, Alkoholkonsum und Kriminalität gesucht.

 

 

Diese Seite drucken

copyright 2011 Dipl.-Psych. Ingeborg Prändl